Beyond Dialogue: Verständnis von Religion neu denken

Beyond Dialogue: Unser Verständnis von Religion neu denken

 

Mein Freund Farhan hat mich kürzlich auf das Buch Beyond Dialogue – Interfaith Engagement in a Polarized World aufmerksam gemacht, herausgegeben von Daniel Ross Goodman, Elaine Jean Lai und Anthony A. Lee, erschienen im Verlag State University of New York Press.

– 4 Minuten Lesezeit –

 

Die zentrale Botschaft des Buches Beyond Dialogue erscheint mir besonders aktuell, in einer Zeit in der Religion, Nationalismus und Identität in vielen Teilen der Welt wieder zu Ursachen von Spaltung werden.

Den Gedanken, über blosse Toleranz hinauszugehen und zu einem wirklichen Verständnis, zu Zusammenarbeit und zur Anerkennung unserer gemeinsamen Menschlichkeit zu gelangen, halte ich für sehr wichtig.

Die Beschäftigung mit diesem Buch hat mich aber noch zu einer anderen Frage geführt.

Vielleicht brauchen wir nicht nur eine neue Form des interreligiösen Dialogs. Vielleicht müssen wir auch neu darüber nachdenken, was wir überhaupt unter Religion verstehen.

Hier finde ich die Bahá’í-Perspektive besonders interessant.

Die Bahá’í-Lehren haben nach meinem Verständnis eine grundlegend andere Sichtweise auf Religion eröffnet. Die grossen Religionen werden nicht als miteinander konkurrierende Systeme betrachtet, von denen jedes seine eigene Wahrheit verteidigen muss. Sie können vielmehr als verschiedene Kapitel in einem fortlaufenden Prozess der geistigen und spirituellen Erziehung der Menschheit verstanden werden.

Aus dieser Perspektive sollten Moses, Buddha, Christus, Muhammad, Bahá’u’lláh und die anderen grossen geistigen Lehrer nicht zu Ursachen werden, Menschen voneinander zu trennen und in gegnerische Gemeinschaften aufzuteilen. Ihre Lehren erschienen unter unterschiedlichen historischen und kulturellen Bedingungen, aber sie alle haben zur moralischen und spirituellen Entwicklung der Menschheit beigetragen.

Damit verändert sich auch die Bedeutung des interreligiösen Dialogs.

Wenn Religionen ausschliesslich als voneinander getrennte Traditionen verstanden werden, bedeutet Dialog, dass Christen, Muslime, Juden, Buddhisten, Hindus, Bahá’í und andere lernen, sich trotz ihrer Unterschiede gegenseitig zu respektieren.

Das allein ist bereits wichtig.

Aber die Bahá’í-Perspektive lädt uns ein, noch einen Schritt weiterzugehen. Sie geht davon aus, dass die Menschheit eine Einheit bildet, dass die geistigen Grundlagen der großen Religionen miteinander verbunden sind und dass religiöse Wahrheit der Menschheit fortschreitend vermittelt wurde, entsprechend ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten in den verschiedenen Phasen ihrer Entwicklung.

 

«Wisse und sei darin sicher, dass das Wesen aller Propheten Gottes eines und dasselbe ist. Ihre Einheit ist absolut. Gott, der Schöpfer, spricht: Es gibt keinerlei Unterschied zwischen den Trägern Meiner Botschaft. Sie alle haben nur ein Ziel, ihr Geheimnis ist das gleiche. Einem von ihnen grössere Ehre zu erweisen als anderen, einige von ihnen über die übrigen zu erhöhen, ist keineswegs zulässig, jeder wahre Prophet hat Seine Botschaft als wesensgleich mit der Offenbarung jedes anderen Ihm vorangegangenen Propheten angesehen.»

Bahá’u’lláh |  Ährenlese aus den Schriften Bahá’u’lláhs, 34:3

 

Religion sollte daher nicht zu einem Instrument werden, mit dem wir unsere eigene Identität gegenüber anderen verteidigen. Ihre Aufgabe sollte vielmehr darin bestehen, im Menschen Eigenschaften wie Gerechtigkeit, Mitgefühl, Wahrhaftigkeit, Liebe und Dienstbereitschaft zu entwickeln und zur Einheit und zum Fortschritt der Gesellschaft beizutragen.

Für mich hat dies auch eine wichtige psychologische Dimension.

In dem Augenblick, in dem Religion vor allem Teil unserer Ego-Identität wird, beginnen wir leicht in Kategorien von „wir“ und „die anderen“ zu denken. Wir verteidigen unsere religiöse Identität dann ähnlich wie unsere Nationalität, unsere Ideologie oder unsere gesellschaftliche Gruppe. Wir wollen recht haben, und daraus folgt sehr schnell, dass der andere Unrecht haben muss.

Spiritualität sollte uns aber gerade von dieser Form der Anhaftung allmählich befreien.

Die entscheidende Frage lautet dann nicht mehr: Welche Religion ist überlegen?

Sondern: Was für ein Mensch werde ich durch das, woran ich glaube?

Macht mich mein Glaube mitfühlender, gerechter und offener gegenüber anderen? Macht er mich bereit, der Menschheit zu dienen?

In diesem Sinne halte ich die Idee, Beyond Dialogue, also über den Dialog hinauszugehen, für sehr zeitgemäss. Dialog ist notwendig, aber vielleicht reicht Dialog allein nicht mehr aus.

Der nächste Schritt könnte darin bestehen zu erkennen, dass sich hinter unserer religiösen Vielfalt eine tiefere menschliche und spirituelle Einheit befindet.

Vielleicht liegt die Zukunft der Religion nicht darin, zu beweisen, welche Gemeinschaft im Besitz der Wahrheit ist, sondern gemeinsam zu entdecken, wie unsere unterschiedlichen spirituellen Traditionen uns dabei helfen können, eine einzige menschliche Gemeinschaft aufzubauen.

Bild: Dach vom Foyer des Zentrums für das Studium der heiligen Texte in Haifa, Israel

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