Die Familie – Keimzelle der menschlichen Gesellschaft

Die Familie – Keimzelle der menschlichen Gesellschaft

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Bedeutung der Familie

Die Bedeutung der Familie kann nicht hoch genug eingestuft werden, wenn wir uns eine Besserung der Welt als konkretes und erreichbares Ziel vornehmen, anstatt sie weiter als utopische Wunschvorstellung zu betrachten.

Dazu ist ein zukunftorientiertes Umdenken notwendig, wie es Shoghi Effendi mit  folgenden Worten zum Ausdruck bringt:

«Wir bedürfen einer Umwandlung der Herzen, einer Neugestaltung all unserer Auffassungen und einer Neuorientierung unserer Tätigkeiten. Das Innenleben des Menschen wie auch die äußere Umwelt müssen umgebildet werden, soll die Rettung der Menschheit sichergestellt sein.»[1]

In diesem Licht sollen die vorliegenden Ausführungen betrachtet werden.

Wenn wir eine bessere menschliche Gesellschaft aufbauen wollen, müssen wir notwendigerweise mit dem Aufbau geistig und materiell gesunder Familien beginnen.

Obwohl die meisten Organisationsformen des menschlichen Zusammenlebens und Kulturen die Familie als eine notwendige und grundlegende Einheit kennen, gibt es heute so viele Umgestaltungen, die das Wohl der Familie und das Glück ihrer Mitglieder bedrohen. Die Familie ist ein Mikrokosmos dieser Welt. Ihre Einheit muss vor dem Zerfall beschützt werden, wenn die Einheit und der Friede unseres Planeten verwirklicht werden sollen.

 

Familie als Keimzelle

Die Bahá’í betrachten die Familie als die Keimzelle[2] der menschlichen Gesellschaft – ein Raum, in dem lobenswerte Moralvorstellungen und Fähigkeiten, die für die Verbesserung der Gesellschaft wesentlich sind, entwickelt werden sollen. Sie sind davon überzeugt, dass die Gewohnheiten und Verhaltensmuster, die in der Familie gepflegt werden, in den Arbeitsplatz, in die örtliche Gemeinschaft, in das soziale und politische Leben des Landes und in die Arena der internationalen Beziehungen getragen werden.

In der Familie wird der Mensch geboren und erzogen und in der Familie beginnt er, über das Zusammenleben mit anderen zu lernen. Die Familie ist der Grundbaustein der Gemeinschaft und darüber hinaus der gesamten Gesellschaftsordnung. Eine Gesellschaft, die den Anforderungen einer immer reifer werdenden Menschheit gerecht werden soll, erfordert daher sowohl ein reifes Verständnis von Familie als auch die Fähigkeit, die aus diesem Verständnis abgeleiteten Erkenntnisse auf die Beziehungen auszudehnen, die die Nation und die Welt gestalten.

«Eine Familie ist eine Nation im Kleinen», erklärt ‚Abdu’l-Bahá. «Die Bedingungen, welche die Familie betreffen, betreffen auch die Nation.»[3]

 

Entwicklung der Familie

Im Laufe der Geschichte hat die Familie verschiedene Formen angenommen, die den Erfordernissen der verschiedenen Phasen der sozialen Entwicklung der Menschen entsprachen.

Die Gedanken und Theorien vergangener Zeiten müssen neu bewertet werden, erklärt ‘Abdu’l-Bahá. Die Menschheit muss jetzt „mit neuen Tugenden und Kräften, mit neuen sittlichen Maßstäben, mit neuen Fähigkeiten erfüllt werden“.

Verschiedene Gesellschaften in verschiedenen Teilen der Welt erkennen zwar die Bedeutung starker Familien an, sind aber mit einer Reihe von Kräften konfrontiert, die auf unterschiedliche Weise zur Untergrabung der Familienbande führen.

 

Neue Lehren und Prinzipien

Die Bahá’í-Schriften legen großen Wert auf die Würde des Menschen. Sie betonen wie wichtig es ist, dass jeder Mensch sich die edelsten Fähigkeiten aneignet, um damit seinen besten Interessen sowie denen der Menschheit dienen zu können. Aus diesem Grund akzeptieren die Bahá’í-Gemeinden der ganzen Welt neue Lehren und Prinzipien – offenbart von Bahá’u’lláh, dem Stifter der Bahá’í-Religion – die sie in die Praxis umsetzen. Sie betreffen in diesem Zusammenhang vor allem

  • die Gleichberechtigung von Mann und Frau
  • den wahren und ultimativen Zweck der Ehe und des Familienlebens
  • die Beziehung der Familienmitglieder zueinander und zur Gesellschaft als Ganzes
  • die Erziehung der Kinder

 

Neues Verständnis von Ehe

Ein neues Verständnis von Familie beginnt mit einem neuen Verständnis von Ehe. Bahá’u’lláh stellt fest, dass die Ehe nicht nur „der Schlüssel zum Fortbestand des Lebens für die Völker der Welt“ ist, sondern auch „das unergründliche Mittel, um ihre Bestimmung zu erfüllen“.

Für die Bahá’í ist die Ehe nicht nur eine körperliche, sondern auch eine geistige Verbindung, die Auswirkungen auf das Leben in dieser und der nächsten Welt hat… In der Bahá’í-Ehe lernen zwei Seelen, sich gegenseitig zu unterstützen, damit beide ihre zweifache moralische Bestimmung erfüllen können – ihre angeborenen gottgegebenen Potenziale zu entwickeln und zum beständigen Voranschreiten der Zivilisation beizutragen.

Von zentraler Bedeutung für die Entwicklung einer neuen Form des Bahá’í-Ehelebens ist zum Beispiel der Grundsatz der Gleichberechtigung von Frauen und Männern. Wird dieses Prinzip zwischen Ehefrau und Ehemann innerhalb der Ehe angewandt, festigt sich die Beziehung und gedeiht, und Mädchen und Jungen werden mit einem neuen Verständnis von Gleichwertigkeit und deren praktischer Umsetzung aufwachsen. Die Auswirkungen dieses Prinzips werden sich somit allmählich auf künftige Generationen ausweiten…

Die Ehe begründet eine Familie. Und die gesunden Beziehungen, die die Mit-glieder dieser Familie verbinden sollen, beruhen auf Gerechtigkeit und Gegenseitigkeit. Jedes Mitglied muss die ihm zustehenden Rechte erhalten; jedes muss die ihm zukommenden Pflichten erfüllen...[4]

Familien bemühen sich, Liebe zu allen Menschen, Toleranz gegenüber Unterschieden, einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit und Einfühlungs-vermögen für andere zu entwickeln. Es werden grosse Anstrengungen unternommen, um Kinder zu erziehen, die die Einheit der Menschheit verstehen und daher jede Seele, unabhängig von Religion, ethnischer Zugehörigkeit oder sonstiger Zugehörigkeit, als einen gleichwertigen Mitmenschen betrachten.

In dieser Familie sind die Eheleute echte Partner; keiner ist dem anderen untergeordnet. Gemeinsam begegnen sie den Herausforderungen des Lebens – ob geistig, materiell oder gesellschaftlich – durch Gebet, Studium, Beratung und Reflexion über das Handeln.

 

Erziehung der Kinder

Im unterstützenden Umfeld der Familie bieten Eltern ihren Kindern aufmerksam Anleitung, damit sie lernen, ein sinnvolles und zielgerichtetes Leben der Hingabe, der Tugend und des Dienens zu führen. Um dieses Ziel zu erreichen, fördern Eltern durch ihr Beispiel und die Gestaltung ihres täglichen Lebens und ihrer Interaktionen sowie durch zahllose Gespräche, in ihren Kindern liebevoll eine Vielzahl von Eigenschaften, Haltungen, Gewohnheiten und Fähigkeiten zunehmender Komplexität, wobei sie ihre Methoden und Ansätze jeder Phase der kindlichen Entwicklung, vom Säuglingsalter bis zur Reife, anpassen.[5]

 ‘Abdu’l-Bahá sagt:

«Wenn in einer Familie Liebe und Einvernehmen herrschen, dann wird sie Fortschritte machen, strahlend und geistig werden; aber wenn es in ihr Hass und Feindschaft gibt, wird sie zwangsläufig zerfallen.»[6]

 

«Wir und die anderen»-Mentalität

Natürlich haben wir alle das Bedürfnis, uns um das Wohl unserer Familie zu kümmern und ein liebevolles, stabiles und geeintes Umfeld für das Aufwachsen unserer Kinder zu schaffen. Wenn wir über diese Verantwortung nachdenken, sollten wir jedoch erkennen, dass eine übermässige Beachtung der familiären Interessen, wenn auch unbeabsichtigt, zu einer eingeschränkten sozialen Sichtweise und «Wir und die anderen»-Mentalität führen kann, wenn die Bedürfnisse und Interessen anderer ignoriert werden. Es ist offensichtlich, dass dies für die gesamte Gemeinschaft schädlich ist! Eine solche Haltung muss sorgfältig vermieden werden. Denn letztlich darf die Hingabe an familiäre Interessen nicht dazu führen, dass das Engagement für Gerechtigkeit und Barmherzigkeit gegenüber allen beeinträchtigt wird.

Die Erziehung, die Kinder zuhause erhalten, sollte ihnen helfen, eine weltumfassende Sichtweise zu erlangen. Das ist aber nur in einer Familie möglich, deren Mitglieder nicht nur um ihr eigenes Wohlergehen besorgt sind, sondern auch um den Fortschritt der örtlichen Gemeinschaft, ihrer Nation und letztendlich auch der gesamten Menschheit.

 


[1] Von einem Brief, geschrieben im Auftrag von Shoghi Effendi (1897 – 1957) – von ‚Abdu’l-Bahá zum Hüter des Bahá’í-Glaubens ernannt. 

[2] Gemäss Definitionen von Oxford Languages bedeutet Keimzelle: Ausgangspunkt, allererster Anfang von etwas, aus dem sich ein größeres Ganzes entwickelt (z.B. «diese kleine Gruppe wurde zur Keimzelle einer internationalen Bewegung»). In der Biologie spricht man vom Zellkern (engl. nucleus), dem Zentrum der Zelle, das die genetische Information (DNA) enthält.

[3] ʻAbdu’l-Bahá, zitiert in: Botschaft des Unduversalen Hauses der Gerechtigkeit vom 19. März 2025 an die Bahá’í der Welt

[4] Aus einer Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 19. März 2025 an die Bahá’í der Welt

[5] Aus einer Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit vom 19. März 2025 an die Bahá’í der Welt

[6] ʻAbdu’l-Bahá, zitiert in: Textzusammenstellung, Familie, Auflage 3.01-online (2022-08-01), bibliothek.bahai.de, Bahá’í Verlag 2022, 86:1 

Titelbild: «Die Familie – Keimzelle der menschlichen Gesellschaft» KI-generiert von envato-labs-ai

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