Eine Küste – ein Gebet – eine Vision:
Wie der Bahá’í-Glaube in Ghana Wurzeln schlug
– 7 Minuten Lesezeit –
„Die Erde ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.»
Als Bahá’u’lláh diese Worte im 19. Jahrhundert schrieb, klangen sie wie eine Vision aus einer fernen Zukunft. Als 1951 die ersten Bahá’í-Pioniere an der damaligen Gold Coast – dem heutigen Ghana – ankamen, trafen sie auf ein Land, das seine eigene Zukunft gerade neu erfand: sechs Jahre vor der Unabhängigkeit, mitten in der Aufbruchsbewegung unter Kwame Nkrumah, dem ersten Präsidenten Ghanas, auf der Suche nach Wegen jenseits kolonialer Fremdbestimmung.
Was dort in den folgenden zwei Jahrzehnten geschah, ist eine der leisen, aber aufschlussreichen Geschichten der Religionsgeschichte des 20. Jahrhunderts.
Es ist eine Geschichte darüber, wie ein universeller Anspruch – die Einheit der Menschheit – auf eine sehr konkrete, sehr lokale Wirklichkeit trifft. Und wie beides sich gegenseitig verändert.
Ein Land im Umbruch
Um zu verstehen, warum die Bahá’í-Botschaft in Ghana überhaupt auf offene Ohren traf, muss man sich die Lage des Landes in den 1950er Jahren vor Augen führen. Die britische Kolonie Gold Coast war 1957 das erste Land Subsahara-Afrikas, das die Unabhängigkeit erlangte – ein Ereignis, das ganz Afrika elektrisierte und Accra, der Hauptstadt von Ghana, für kurze Zeit zu einem Zentrum panafrikanischen Denkens machte. Gleichzeitig geriet die traditionelle Chieftaincy – die Institution der Häuptlinge – zunehmend unter Druck durch Nkrumahs Modernisierungsprojekt. Eine gebildete, städtische Generation suchte nach Identitätsmodellen, die weder rein kolonial noch rein traditionell waren.
In dieses Klima des religiösen und politischen Experimentierens hinein kam eine Glaubensgemeinschaft, die weder Geistlichkeit noch Missionsschulen noch Krankenhäuser als Türöffner mitbrachte – nur Menschen, die bereit waren, sich niederzulassen, die Sprache zu lernen und ins Gespräch zu kommen.
Ein Rat ohne Priester
Was die Bahá’í von den christlichen Missionen unterschied, die seit dem 19. Jahrhundert in Ghana präsent waren, war nicht in erster Linie die Lehre, sondern die Struktur. Keine Geistlichkeit, keine verordnete kulturelle Anpassung. Stattdessen: gewählte Lokale Geistige Räte – neunköpfige Gremien, in denen von Anfang an Pioniere und ghanaische Mitglieder formal gleichberechtigt sassen und abstimmten. Gewählt wurde ohne Nominierung, ohne Wahlkampf, ohne Parteibindung – ein Verfahren, das bewusst jede Form von persönlichem Machtstreben unterlaufen sollte.
Zu einer Zeit, als viele Missionskirchen die Kirchenleitung noch fest in europäischer Hand hielten – die schottische Mission etwa übergab die Leitung erst 1951 vollständig an afrikanische Geistliche –, war das keine Selbstverständlichkeit.
Einer der ersten, die diese neue Gemeinschaft mitgestalteten, war Albert Nyarko Buapiah. Im Oktober 1953 in Topremang zum Bahá’í-Glauben konvertiert, zog es ihn schon ein Jahr später selbst als Pionier weiter – nach British Togoland. Kein Objekt der Mission also, sondern von Anfang an jemand, der die Botschaft selbst weitertrug. Auch der Kontakt zu traditionellen Autoritäten wurde gesucht: 1971 überreichten Bahá’í-Vertreter dem Asantehene, dem obersten Häuptling der Ashanti, ein Proklamationsband – ein kleines, aber bezeichnendes Zeichen dafür, dass man den Dialog mit den bestehenden Machtstrukturen suchte, statt sie zu ignorieren.
Ein Gebet auf Twi, vor der Feldarbeit
Am eindrücklichsten zeigt sich, was diese Begegnung wirklich bedeutete, in kleinen, fast beiläufigen Details. In der Dorfgemeinschaft Kokofu No. 1 übersetzten Mitglieder des Lokalen Geistigen Rates das Bahá’í-Pflichtgebet ins Twi[i] – und fügten es in den Rhythmus des Alltags ein: vor der Feldarbeit, mittags, abends. Kein importiertes Ritual, das fremd blieb, sondern etwas, das sich in die Zeitstruktur des ghanaischen Landlebens einschrieb, ohne seinen universalen Anspruch zu verlieren.
Auch bei der Frage der Geschlechtergleichheit – einem Kernprinzip der Bahá’í-Lehre – zeigte sich etwas Interessantes. In den matrilinearen Traditionen[ii] der Akan hatten Frauen bereits eine eigenständige gesellschaftliche Stellung. Das Bahá’í-Prinzip der Gleichwertigkeit der Geschlechter traf hier nicht auf eine Leerstelle, die erst gefüllt werden musste, sondern auf etwas, das eher bestätigt und weitergeführt als revolutionär eingeführt wurde. Zwei sehr unterschiedliche Traditionen fanden hier eine überraschende Übereinstimmung.
Auch heikle Fragen wurden nicht einfach von oben verordnet, sondern vor Ort verhandelt. Als es um den Umgang mit Polygamie ging – ein Thema, das in vielen westafrikanischen Gesellschaften tief verwurzelt war –, entschied man sich für einen pragmatischen Übergang: Wer bereits vor der Konversion mehrere Ehefrauen hatte, musste sich nicht scheiden lassen, durfte aber keine weiteren Ehen mehr eingehen. Berichte aus jener Zeit zeigen, dass diese Frage tatsächlich Gegenstand echter lokaler Beratung war – kein reiner Verwaltungsakt aus der Ferne.
Die Grenzen der Offenheit
Soweit die Geschichte, die man gerne erzählt – und die auch erzählt werden darf, weil sie wahr ist. Aber eine ehrliche Betrachtung darf auch die andere Seite nicht auslassen.
Die theologische Deutungshoheit lag in all diesen Jahren unangefochten in Haifa, beim Hüter Shoghi Effendi und später beim Universalen Haus der Gerechtigkeit. Bahá’í-Schriften waren zunächst fast ausschliesslich auf Englisch, Arabisch oder Persisch verfügbar; Übersetzungen ins Twi kamen zögerlich und oft erst durch das Engagement einzelner Gemeinden zustande. Wer tieferes theologisches Wissen erwerben wollte, brauchte Englischkenntnisse – und die waren, wie so oft in postkolonialen Gesellschaften, eng an Bildungsprivilegien geknüpft. Auch finanziell blieb die junge Gemeinschaft über Jahre von amerikanischen und iranischen Bahá’í-Institutionen abhängig: Reisekosten, Unterhalt der Pioniere, Druckmaterialien – vieles floss in eine Richtung.
Auch zahlenmässig blieb die Gemeinschaft klein. 1964 gab es in Ghana zehn Lokale Geistige Räte bei einer Landesbevölkerung von rund 6,7 Millionen Menschen. Ihre Bedeutung liegt also nicht in einer breiten gesellschaftlichen Wirkung, sondern in dem, was sie im Kleinen an neuen Formen des Zusammenlebens ausprobierte. Erst 1970 – fast zwei Jahrzehnte nach den ersten Pionieren – entstand der erste Nationale Geistige Rat Ghanas: der Moment, in dem die Gemeinschaft strukturell eigenständiger wurde.
Das ist keine Anklage. Es ist eine historische Beobachtung, die zu einem ehrlichen Bild dazugehört: Eine Gemeinschaft, die sich programmatisch der Einheit und Gleichheit aller Menschen verschrieben hat, war – wie praktisch jede transnationale Bewegung dieser Zeit – selbst nicht frei von den strukturellen Ungleichheiten, gegen die sie im Kern antrat. Wechselseitigkeit und Hierarchie bestanden nebeneinander, ohne dass das eine das andere aufhob.
Was bleibt
Vielleicht liegt die eigentliche Lehre aus dieser kleinen, oft übersehenen Geschichte genau darin: Bahá’u’lláhs Vision einer Menschheit als einem einzigen Land war in Ghana der 1950er und 60er Jahre kein erreichter Zustand. Sie war ein Kompass, kein Ziel, das man abhaken konnte. Und gerade weil sie ein Kompass war, entstanden in ihrem Schatten wirkliche Experimentierräume: gemischte Versammlungen, in denen die Farbe der Haut keine Rolle für das Stimmrecht spielte, während anderswo genau das noch selbstverständlich war. Ein Gebet, das auf Twi gesprochen wurde und trotzdem dasselbe Gebet blieb. Menschen wie Albert Nyarko Buapiah, die nicht nur empfingen, sondern selbst weitertrugen.
Dass diese Geschichte gleichzeitig von Innovation und von realen Grenzen erzählt, macht sie nicht weniger bedeutsam – im Gegenteil. Sie zeigt, wie ernst es ist, eine universelle Idee tatsächlich zu leben: nicht als fertige Errungenschaft, sondern als eine Arbeit, die nie ganz abgeschlossen ist, in Ghana der 1950er Jahre so wenig wie heute.
Quellen und weiterführende Literatur
**Primärquellen**
– *Bahá’í News*, verschiedene Ausgaben 1951–1981 (herausgegeben von National Spiritual Assembly of the Bahá’ís of the United States), online zugänglich über bahai.works
– *The Bahá’í World*, Vol. 13 (1954–1963) und Vol. XIX (1986), Haifa: Bahá’í World Centre
– Shoghi Effendi: *Messages to the Bahá’í World 1950–1957*, Wilmette: Bahá’í Publishing Trust, 1971
**Weiterführende Literatur**
– Anthony A. Lee: *The Bahá’í Faith in Africa: Establishing a New Religious Movement*, Leiden: Brill, 2011
– Margit Warburg: *Citizens of the World: A Political and Sociological Study of the World Bahá’í Community*, Leiden: Brill, 2006
– Birgit Meyer: *Translating the Devil: Religion and Modernity among the Ewe in Ghana*, Edinburgh: Edinburgh University Press, 1999
– Jacqueline-Bethel Tchouta Mougoué: „’A Man of Africa‘: Emotions and Political Kinship in Forming Transnational Connections», in: *The Journal of African History* 67, e5 (2026), S. 1–18
– Shalini Randeria: „Geteilte Geschichte und verwobene Moderne», in: Jörn Rüsen / Hanna Leitgeb / Norbert Jegelka (Hg.): *Zukunftsentwürfe. Ideen für eine Kultur der Veränderung*, Frankfurt: Campus, 1999, S. 87–96
*Dieser Beitrag beruht auf einer historischen Untersuchung zur Bahá’í-Expansion in Ghana zwischen 1951 und 1970 im Rahmen eines Masterstudiums der Globalgeschichte an der FernUniversität Hagen.*
Foto von L.M. Tangel, Rijksdienst voor het Cultureel Erfgoed, photo of Ghana’s material cultural heritage number GH-CP-012 Lizenz: CC-BY-SA-4.0 (commons.wikimedia.org)

