Warum sich junge Menschen radikalisieren
Eine psychologische Betrachtung über die Hintergründe, warum Menschen sich radikalisieren und empfänglich sind für extremistische Ideologien und damit zu einer Gefahr für die Gesellschaft werden können.
– 5 Minuten Lesezeit –
Nach den schrecklichen Ereignissen in Berlin hat uns ein Artikel auf Facebook von Fari Khabipour sehr angesprochen, in dem er sich mit dem Thema «Warum sich junge Menschen radikalisieren» und den Hintergründen zur Frage «Warum wird ein Mensch überhaupt empfänglich für extremistische Ideologien?» auseinandersetzt.
Dr. Fari Khabirpour ist Psychologe, Psychotherapeut und früherer Leiter der schulpsychologischen Dienste in Luxemburg (CPOS).
In Absprache mit dem Autor haben wir den Artikel leicht abgeändert und mit Aussagen aus den Bahá’í-Schriften ergänzt.
Für die geläufige Definition der Begriffe Radikalisieren, Extremismus und Radikalismus verweisen wir auf den grauen Info-Kasten am Ende des Blogs.
Radikalisieren
In seinem Artikel schreibt Fari Khabirpour:
Aus psychologischer Sicht gibt es auf die Frage, warum ein Mensch empfänglich für extremistische Ideologien wird und sich radikalisieren lässt, keine einfache Antwort. Radikalisierung entsteht selten durch eine einzige Ursache. Sie entwickelt sich dort, wo persönliche Verletzbarkeit, soziale Umstände und ideologische Einflüsse zusammentreffen.
Der Wiener Psychologe Alfred Adler hat bereits vor über hundert Jahren darauf hingewiesen, dass jeder Mensch das Bedürfnis hat, sich wertvoll zu fühlen und zu einer Gemeinschaft zu gehören. Fehlt ihm dieses Gefühl von Zugehörigkeit, entstehen häufig Minderwertigkeitsgefühle, Isolation oder Hoffnungslosigkeit. Die meisten Menschen finden konstruktive Wege, damit umzugehen. Manche suchen jedoch nach einfachen Antworten und nach Gruppen, die ihnen Identität, Anerkennung und eine vermeintlich höhere Aufgabe versprechen.
Genau hier setzen extremistische Ideologien an. Sie bieten Orientierung in einer komplexen Welt. Sie teilen die Wirklichkeit in Gut und Böse, Freund und Feind. Sie vermitteln ihren Anhängern das Gefühl, Teil einer besonderen Gemeinschaft zu sein und eine bedeutende Mission zu erfüllen. Gerade für Menschen, die sich ausgegrenzt, gedemütigt oder orientierungslos fühlen, kann dies eine enorme Anziehungskraft entfalten.
Soziale Medien
Die sozialen Medien verstärken diesen Prozess zusätzlich. Ihre Algorithmen sind nicht darauf ausgerichtet, Wahrheit oder Ausgewogenheit zu fördern. Sie zeigen vor allem Inhalte, die Aufmerksamkeit erzeugen. Wer beginnt, sich für radikale Botschaften zu interessieren, erhält immer mehr davon. So entstehen digitale Echokammern, in denen sich Überzeugungen gegenseitig verstärken und andere Sichtweisen zunehmend ausgeblendet werden.
Doch das Internet allein radikalisiert niemanden. Es ist in erster Linie ein Verstärker. Hinter den Botschaften stehen Menschen, Organisationen oder teilweise auch staatliche Akteure, die gezielt Ängste, Frustrationen und Identitätskrisen ausnutzen. Das gilt nicht nur für islamistische Gruppen, sondern ebenso für rechts- und linksextremistische Bewegungen oder andere ideologische Strömungen. Die Ideologien unterscheiden sich, die psychologischen Mechanismen sind oft erstaunlich ähnlich.
Dabei ist eine klare Unterscheidung unverzichtbar. Eine Religion ist nicht dasselbe wie eine extremistische Ideologie.
Aus Sicht der Bahá’í-Religion
Der Mensch und die Beziehung zu seinen Mitmenschen standen immer im Mittelpunkt aller Religionen. Ohne Nächstenliebe ist auch heute gesellschaftlicher Zusammenhalt nicht denkbar.
Für den Zusammenhalt in einer zunehmend globalisierten Welt muss auch das Verhältnis des Einzelnen zu seinem Umfeld und zu den verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen neu gedacht werden.
Die Botschaft Bahá’u’lláhs (1817 – 1892) -Stifter der Bahá’í-Religion – weist den heutigen Menschen darauf hin, dass er in der komplexer werdenden Welt seinen Blick auf das Wohlergehen der ganzen Menschheit richten soll.
«Es rühme sich nicht, wer sein Vaterland liebt, sondern wer die ganze Welt liebt.»[1]
An anderer Stelle sagt Bahá’u’lláh:
«Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert. Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.»[2]
Extremismus
Weiter schreibt Fari Khabirpour:
Extremismus beginnt dort, wo Menschen glauben, allein im Besitz der Wahrheit zu sein und daraus das Recht ableiten, andere auszugrenzen, zu unterdrücken oder Gewalt anzuwenden.
Alfred Adler beschrieb einen wichtigen Schutzfaktor gegen solche Entwicklungen: das Gemeinschaftsgefühl. Damit meinte er nicht blinden Konformismus, sondern die Fähigkeit, sich als Teil der menschlichen Gemeinschaft zu erleben, Verantwortung zu übernehmen und zum Wohl anderer beizutragen. Menschen mit einem ausgeprägten Gemeinschaftsgefühl sind deutlich weniger anfällig für Ideologien, die auf Hass, Feindbildern und Ausgrenzung beruhen. Psychische Gesundheit zeigt sich nicht nur darin, dass ein Mensch mit sich selbst im Reinen ist, sondern auch darin, dass er sich mit anderen verbunden fühlt und bereit ist, Verantwortung für das Gemeinwohl zu übernehmen.
Prävention
Deshalb beginnt die Prävention nicht erst bei Polizei oder Nachrichtendiensten. Sie beginnt in den Familien, in den Schulen und in unserer Erziehung. Junge Menschen müssen lernen, kritisch zu denken, unterschiedliche Meinungen auszuhalten, Frustrationen zu bewältigen und Konflikte ohne Gewalt zu lösen. Sie brauchen nicht nur Wissen, sondern auch emotionale Sicherheit, echte Beziehungen und die Erfahrung, dass der eigene Wert nicht von Macht, Feindbildern oder ideologischer Zugehörigkeit abhängt.
Vielleicht liegt genau darin die wichtigste Lehre. Extremismus lässt sich nicht allein mit Überwachung oder schärferen Gesetzen bekämpfen. Langfristig werden wir ihn nur eindämmen, wenn wir die psychologischen Voraussetzungen schaffen, die verhindern, dass extremistische Ideologien überhaupt auf fruchtbaren Boden fallen.
Die wirksamste Verteidigung einer demokratischen Gesellschaft ist deshalb nicht die Angst vor dem Extremismus, sondern der Mensch, der gelernt hat, selbstständig zu denken, Verantwortung zu übernehmen und sich als Teil einer gemeinsamen Menschheit zu verstehen.
Vielen Dank Fari Khabirpour, für diesen wertvollen Artikel!
Radikalisieren
Radikalisieren ist ein schleichender Prozess, bei dem eine Person oder Gruppe immer extremere politische, soziale oder religiöse Ansichten übernimmt und schliesslich auch Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele befürwortet oder einsetzt.
Extremismus
Extremismus bezeichnet ein politisches oder religiöses Denken, das die Grundwerte der Demokratie ablehnt, die Menschenwürde missachtet und oft bereit ist, Gewalt einzusetzen, um die Gesellschaft komplett zu verändern.
Radikalismus
Radikalismus ist eine politische Einstellung, die grundlegende Veränderungen an einer bestehenden Gesellschaftsordnung anstrebt. Im Gegensatz zum Extremismus will der Radikalismus die demokratische Grundordnung jedoch nicht abschaffen.


3 Responses
Wer den Beitrag von Fari Khabirpour liest, erkennt schnell, dass Radikalisierung kein eindimensionales Problem ist. Sie entsteht dort, wo persönliche Verletzlichkeit, gesellschaftliche Ausgrenzung, Identitätssuche und ideologische Einflüsse zusammenkommen. Genau deshalb kann es auch keine einfachen Antworten geben. Für mich gibt es jedoch einen Begriff, der seinem Beitrag nach, welchen ich übrigens voll unterstütze, noch mehr Aufmerksamkeit verdient: Empathie.
Empathie ist keine Schwäche und kein bloßes Mitgefühl. Sie ist die Fähigkeit, den anderen als Menschen zu sehen – mit seiner Geschichte, seinen Hoffnungen und seinen Ängsten. Sie ist das wirksamste Gegenmittel gegen die Entstehung von Feindbildern. Denn wer gelernt hat, sich in andere hineinzuversetzen, wird sie kaum entmenschlichen oder ha****. (Ich hab dieses Wort aus meinem persönlichen Wortschatz gestrichen).
Ich lebe auch in Luxemburg und wir haben über viele Jahre Workshops mit Jugendlichen durchgeführt und dabei immer wieder erlebt, welche Kraft Empathie entfalten kann. Wenn junge Menschen lernen, zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen und respektvoll miteinander umzugehen, verändert sich das Klima. Vorurteile nehmen ab, Vertrauen wächst und Konflikte werden konstruktiver gelöst. Diese Erfahrungen haben mich überzeugt: Empathie ist keine «weiche Kompetenz», sondern eine der wichtigsten Zukunftskompetenzen unserer Gesellschaft.
Deshalb glaube ich, dass wir einen holistischen Ansatz brauchen. Bildung, Familie, soziale Integration, Medienkompetenz, Werteerziehung und die Förderung von Empathie gehören untrennbar zusammen. Wer nur Symptome bekämpft, wird die Ursachen nicht beseitigen.
Einstein soll gesagt haben: «Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.» Genau das gilt auch für Radikalisierung. Angst, Polarisierung und Schwarz-Weiß-Denken können niemals die Grundlage für eine friedliche Gesellschaft sein. Deshalb mag ich auch diese Weisheit von Rumi: «Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort. Dort treffen wir uns.*
Die Bahá’í-Schriften erinnern uns daran, dass die Menschheit eine einzige Familie ist. Aus dieser Sicht ist Empathie weit mehr als eine persönliche Eigenschaft – sie ist die Voraussetzung für Einheit in der Vielfalt und für ein friedliches Zusammenleben.
Wenn wir verhindern wollen, dass die Gräben in unseren Gesellschaften immer tiefer werden, müssen wir früher ansetzen. Nicht erst dann, wenn junge Menschen bereits radikalisiert sind, sondern dort, wo ihre Persönlichkeit geformt wird – in den Familien, in den Schulen und in unseren Gemeinschaften.
Ich bin überzeugt: Empathie ist einer der wichtigsten Schlüssel zu einer widerstandsfähigen, toleranten und geeinten Gesellschaft.
Liebe Roswitha, lieber Heinz,
herzlichen Dank für Euren wertvollen Beitrag mit den Ergänzungen aus den Bahai-Schriften!
Eure Texte bieten eine sehr gute Neuorientierung und ich hoffe sehr, daß viele Menschen dies lesen und verinnerlichen.
Ganz liebe Grüße Alexandra
Yet another reason why education in the home is so important! Thank you for this thought provoking article.