Queen Victoria (1819 – 1901) – eine der bekanntesten Monarchinnen der Geschichte – war von 1837 bis 1901 Königin des Vereinigten Königreichs. Ihre Regierungszeit von fast 64 Jahren wird als viktorianisches Zeitalter bezeichnet und war geprägt von tiefgreifenden Veränderungen in Industrie, Wissenschaft, Kultur und Politik.
Bahá’u’lláhs Brief an Queen Victoria:
Eine prophetische Stimme gegen Sklaverei und für die spirituelle Würde der Arbeit.
– 5 Minuten Lesezeit –
«Wisst ihr, warum Wir euch alle aus dem gleichen Staub erschufen? Damit sich keiner über den anderen erhebe.»
— Bahá’u’lláh, Verborgene Worte, Arabisch Nr. 68
Im 19. Jahrhundert galt Europa als Vorreiter der Abschaffung der Sklaverei. Der britische Slavery Abolition Act von 1833 wurde als moralischer Triumph gefeiert. Gleichzeitig erreichte der atlantische Baumwollkapitalismus seinen Höhepunkt und die britische Wirtschaft blieb tief in Systeme unfreier Arbeit verstrickt. Genau in diese Zeit des Widerspruchs zwischen moralischem Anspruch und ökonomischer Realität fiel das Tablet Bahá’u’lláhs an Queen Victoria (Lawh-i-Malikih, ca. 1868/69).
Dieser Brief, Teil der „Tablets to the Kings“, stellt eine bis heute bedeutsame prophetische Intervention dar. Bahá’u’lláh lobt die britische Abschaffung des Sklavenhandels als Erfüllung göttlichen Willens und fordert zugleich eine radikale ethische und spirituelle Alternative zu Ausbeutung und Hierarchie.
Historischer Kontext: Abolition und fortgesetzte Ausbeutung
Der Slavery Abolition Act von 1833 schaffte die Sklaverei in den meisten britischen Kolonien ab, doch die anschließende Apprenticeship-Phase bedeutete für viele ehemalige Sklaven weiterhin Zwangsarbeit. Die Sklavenhalter erhielten Entschädigungen, während die Befreiten leer ausgingen. Gleichzeitig war die britische Textilindustrie stark von Sklavenbaumwolle aus den USA abhängig. Sven Beckert beschreibt in King Cotton, wie dieses System den Aufstieg des modernen Kapitalismus prägte.
Die Cotton Famine während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1862–1864) legte diese Abhängigkeit offen. Nach 1865 entstanden neue Formen unfreier Arbeit: Schuldknechtschaft (indentured labour) in Indien, Zwangsarbeit beim Suezkanal in Ägypten und Strafarbeit in den Kolonien. Moralische Selbstgewissheit und wirtschaftliche Verflechtung mit Ausbeutung bestanden nebeneinander.
Der Brief an Queen Victoria
Bahá’u’lláh verfasste das Tablet während seines Exils in Adrianopel und der Übersiedlung nach Akká. Er lobt Queen Victoria ausdrücklich:
«We have been informed that thou hast forbidden the trading in slaves, both men and women. This, verily, is what God hath enjoined in this wondrous Revelation. God hath, truly, destined a reward for thee, because of this.»
«Wir haben erfahren, dass du den Handel mit Sklaven, Männern sowohl wie Frauen, verboten hast. Wahrlich, dies ist, was Gott in dieser wundervollen Offenbarung zur Pflicht gemacht hat. Gott hat dir dafür eine Belohnung bestimmt. »
Zugleich richtet er sich an das britische Parlament als gewählte Vertreter des Volkes:
«O ye the elected representatives of the people in every land! Take ye counsel together, and let your concern be only for that which profiteth mankind, and bettereth the condition thereof.»
« O ihr gewählten Volksvertreter in allen Ländern! Beratet euch miteinander, und lasst eure Sorge allein dem dienen, was der Menschheit nützt und ihre Lage verbessert.»
Der Brief verbindet Lob mit Mahnung und einer Vision der Einheit der Menschheit. Er gehört zu den Sendschreiben an die Herrscher der Welt und stellt eine prophetische Mahnung zur Gerechtigkeit dar.
Die Bahá’í-Lehre zu Sklaverei und Arbeit
Die Bahá’í-Offenbarung entstand in einem Kontext, in dem Sklaverei im Nahen Osten noch weit verbreitet war. Bahá’u’lláh formulierte ein absolutes Verbot der Sklaverei. Im Kitáb-i-Aqdas heißt es unmissverständlich: «Es ist euch verboten, Sklaven zu besitzen, weder Männer noch Frauen.» Dies geht über die britische Regelung hinaus, die Übergangsfristen und Entschädigungen für Besitzer vorsah.
Zentral ist außerdem die Auffassung von Arbeit als Gottesdienst: «Die beste Form der Anbetung ist, sich mit einem nützlichen Beruf zu beschäftigen.» Arbeit dient nicht der Akkumulation von Reichtum, sondern der Würde des Menschen und dem Wohl der Gemeinschaft. Sie ist spirituelle Praxis, unabhängig vom sozialen Status.
Das Fundament bildet die ontologische Einheit der Menschheit: Alle Menschen sind Teil einer einzigen göttlichen Einheit. Jede Form von Unterdrückung verletzt diese fundamentale spirituelle Verbundenheit. Bahá’u’lláh erklärt: «Die Welt ist nur ein Land, und alle Menschen sind seine Bürger.»
Rezeption in Europa
Trotz des lobenden Tons blieb der Brief in der britischen Öffentlichkeit und der Abolitionsbewegung zunächst fast unbemerkt. Das Universale Haus der Gerechtigkeit stellte 1997 fest, dass weder in den Royal Archives noch im Foreign Office Spuren einer offiziellen Reaktion existieren. Erst 1891 veröffentlichte Edward Granville Browne die erste englische Übersetzung in A Traveller’s Narrative.
Die Gründe für dieses Schweigen liegen in orientalistischen Wahrnehmungsmustern, christlichem Exklusivismus und der kognitiven Dissonanz einer Gesellschaft, die moralisch triumphierte, während sie wirtschaftlich von neuen Formen der Ausbeutung abhängig blieb. Ähnlich erging es den anderen Tablets an Napoleon III., Papst Pius IX. und Zar Alexander II. – prophetische Stimmen aus dem Nahen Osten fanden kaum Gehör.
Bedeutung für heute
Bahá’u’lláhs Brief an Queen Victoria bleibt hochaktuell. In einer Zeit globaler Lieferketten und moderner Sklaverei erinnert er daran, dass wahre Gerechtigkeit mehr als formale Gesetze erfordert. Sie wurzelt in der Erkenntnis der Einheit der Menschheit und der spirituellen Würde der Arbeit.
Seine Vision einer neuen Weltordnung – geprägt von Einheit, Gerechtigkeit und dem Wohl aller Menschen – bietet ein göttliches Heilmittel für die Krisen unseres Zeitalters. Mitten im Chaos des 19. Jahrhunderts wurde im Garten Ridván in Bagdad die Hoffnung auf eine geeinte Menschheit geboren. Die alte Ordnung bricht auseinander, doch gleichzeitig entsteht durch die Bahá’í-Prinzipien eine neue, gerechtere Ordnung.
Der Brief ist ein lebendiger Aufruf: Jede ehrliche Arbeit als Gottesdienst zu ehren, Ausbeutung abzulehnen und die Einheit der Menschheit praktisch zu leben.
Quellen (Auswahl aus der zugrundeliegenden Arbeit):
- Bahá’u’lláh: The Summons of the Lord of Hosts, Haifa: Bahá’í World Centre 2002.
- Bahá’u’lláh: Kitáb-i-Aqdas, Haifa: Bahá’í World Centre 1992.
- Bahá’u’lláh: Verborgene Worte.
- Beckert, Sven: King Cotton. München: C.H. Beck 2014.
- Hall, Catherine: Civilising Subjects. Cambridge: Polity Press 2002.
- Universal House of Justice: Memorandum „Responses of Napoleon III and Queen Victoria“, 6. November 1997.
- Browne, Edward G.: A Traveller’s Narrative, Cambridge 1891.
- Momen, Moojan: The Bábí and Bahá’í Religions 1844–1944. Oxford: George Ronald 1981.

