Selbständige Suche nach Wahrheit – Gebot der Zeit

Selbständige Suche nach Wahrheit – Gebot der Zeit

– 7 Min. Lesezeit –

 

In einer Zeit, wo Fake-News und Desinformation über verschiedene Kanäle – hauptsächlich im Internet – sich immer perfider verbreiten, ist der Mensch gefordert, sich zu bemühen die Wahrheit selbst zu erforschen!

Aber nicht nur Fake-News oder Desinformation fordern den Menschen heraus, selbst die Wahrheit zu erforschen, auch traditionsbedingtes Wissen und «alteingesessene Meinungen» bergen die Gefahr, Menschen von der Wahrheit fernzuhalten. Oft, weil es einfach bequem oder mit Unbehagen verbunden ist, solche alteingesessenen Meinungen zu hinterfragen.

Dies gilt ganz besonders auch im Kontext religiöser Wahrheit.

„Glücklich der Mensch, der die Absicht Gottes in allem erfasst, was Er aus dem Himmel Seines Willens, der alles Erschaffene durchdringt, offenbart!“ [i]

Ganz abgesehen davon, dass jeder Mensch seine eigene «private Logik» hat und damit auch seine eigene Vorstellung von dem, was «wahr» ist, war die Frage nach der Wahrheit in den verschiedenen Religionen bis heute Grund für Meinungsunterschiede und Streit um den damit verbundenen Wahrheitsanspruch.

 

Der menschliche Geist muss frei sein für die Suche nach Wahrheit

Die Internationale Bahá’í-Gemeinde legte bei einer im November 2001 in Madrid von den Vereinten Nationen veranstalteten Internationalen Konferenz über Schulbildung im Zusammenhang mit Religions- und Glaubensfreiheit, Toleranz und Gleichbehandlung ein Statement vor mit dem Titel „Belief and Tolerance: Lights Amidst the Darkness» (Glaube und Toleranz: Lichter in der Dunkelheit).

Nachfolgend einige Textauszüge aus diesem Statement:

Der menschliche Geist muss frei sein für die Suche nach Wahrheit. Das Begreifen, wer wir sind, für welchen Zweck es uns gibt und wie wir unser Leben leben sollen, ist ein Grundimpuls des menschlichen Bewusstseins. Diese Suche nach Selbsterkenntnis und Sinn ist das Wesentliche am Leben. Das angeborene und fundamentale Streben nach der Erforschung der Wirklichkeit ist somit das Recht und die Pflicht eines jeden Menschen. Aus diesem Grunde bestätigen die Bahá’í-Lehren, dass das

„Gewissen des Menschen heilig und unantastbar ist.“ [ii]

Die Suche nach Wahrheit – mit den

„eigenen Augen und nicht mit den Augen anderer» [iii]

zu sehen – heißt, mit einem starken Gefühl für Gerechtigkeit und Offenheit einen Prozess geistiger Entdeckung auf sich zu nehmen. Dies ist in seiner ureigensten Art ein Prozess der Kreativität und Wandlung, der, wenn er mit Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit verfolgt wird, dem Sucher nach Wissen

„ein neues Auge, ein neues Ohr, ein neues Herz und einen neuen Geist» [iv]

schenken kann. Die vernunftbegabte Seele wird dadurch zu den in ihr liegenden Fähigkeiten von Freundlichkeit, Nachsicht und Mitleid erwacht. Das menschliche Sehnen nach Wahrheit ist offenkundig eine Macht, die nicht in Ketten gelegt werden kann, denn ohne die Freiheit des Wissens bleibt das menschliche Wesen ein Gefangener von Instinkt, Ignoranz und Wunsch.

 

Moralische Krise und gesellschaftlicher Zusammenbruch

Inmitten eines von moralischer Krise und gesellschaftlichem Zusammenbruch erschütterten Zeitalters ist das Bedürfnis nach Verständnis darüber, wer wir als Menschen sind, für die Erlangung eines dauerhaften Friedens und Wohlergehens lebenswichtig. Historisch gesehen ist es die Religion, welche diese Einsicht über die Existenz und das Verhalten des Menschen vermittelt. Ihre unentbehrliche Funktion, auf die universelle Neigung zur Transzendenz einzugehen, und ihre wichtige Rolle bei der Zivilisierung des menschlichen Charakters in allen Zeitaltern sind sowohl für die Definition der menschlichen Identität als auch für die Förderung der gesellschaftlichen Ordnung von grundlegender Bedeutung.

 

Gewissensfreiheit

Das Recht der Ausübung der Gewissensfreiheit in Angelegenheiten der Religion und des Glaubens ist daher nicht nur für die Befriedigung der geistigen Eingebungen der aufstrebenden Seele äußerst wichtig, sondern auch für den Aufbau harmonischer und gerechter Lebensmuster.

Ein Zwang in Glaubensangelegenheiten widerspricht den ureigenen Grundsätzen von Religion. Denn Engagement kann nur aus einem frei gewählten Glauben heraus geboren werden. Das jetzt in den internationalen Menschenrechtsdokumenten kodifizierte Recht der Gedanken-, Gewissens- und Glaubensfreiheit findet seine Wurzeln unmittelbar in den Schriften der Weltreligionen. Diese Tatsache sollte jedem von uns Gewissheit geben, dass man Wahrheit nicht zu fürchten braucht, da sie viele Facetten hat und all unsere unterschiedlichen Äußerungen des Glaubens schützt.

Wenn Menschen religiösen Glaubens schließlich glauben, dass der Schöpfer ewig und der Mittelpunkt der gesamten Existenz ist, dann müssen sie auch glauben, dass die uneingeschränkte und echte Suche nach Wahrheit zur Wahrheit führen wird.

 

Die transformierende Macht der Religion

Um den Weg für einen konstruktiven Dialog über die Rolle der Religion bei der Errichtung einer sozialen Gerechtigkeit frei zu machen, muss eine historische Rechenschaft abgelegt werden. Es kann nicht verleugnet werden, dass Religion für enormes Leiden verantwortlich ist. Viel Dunkelheit und Verwirrung kann jenen zugeschrieben werden, welche sich die Symbole und Werkzeuge der Religion für ihre eigensüchtigen Zwecke zueigen gemacht haben. Fanatismus und Konflikt vergiften die Quellen der Toleranz und stellen einen korrupten Ausdruck wahrer religiöser Werte dar. Folglich bedarf es der Wachsamkeit, um die transformierende Macht der Religion vor den Kräften extremer Orthodoxie einerseits und unverantwortlicher Freiheit andererseits zu schützen.

„Das Ziel der Religion», sagt Bahá’u’lláh, „… besteht darin, Einheit und Eintracht unter den Völkern der Welt zu stiften; macht sie nicht zur Ursache für Zwist und Streit.» [v]

In Einheit – einer Einheit, welche die ganze Mannigfaltigkeit der Menschheit umfasst und respektiert – können alle Probleme gelöst werden.

Wenn man die Lehre, dass wir andere so behandeln sollten wie wir selbst behandelt werden möchten – eine von allen großen Religionen mehrfach wiederholte Ethik – auf universaler Ebene anwendet, wird diese zweifellos eine heilende Macht der Einheit hervorbringen. Das Errichten einer globalen, auf Zusammenarbeit, Gegenseitigkeit und wahrer Besorgnis um-andere-basierenden Gesellschaft ist der höchste Ausdruck vereinten Handelns.

 

Abschaffung von Vorurteilen und Verdächtigungen

Um bei der Abschaffung der Vorurteile und Verdächtigungen, welche jetzt die Gemeinschaften der Weltreligionen heimsuchen, ihren Beitrag zu leisten, müssen sich die religiösen Führer diesen gemeinsamen geistigen Grundsätzen widmen, und nicht den Unterschieden von Doktrinen oder Ausschließlichkeitsansprüchen. Jede Religion sollte ihre Fähigkeit zeigen die Bewohner der Welt zu einem friedlichen Miteinander, moralischer Rechtschaffenheit und gegenseitigem Verständnis zu führen, statt Feindschaft, Furcht und Intoleranz zu verbreiten.

Religionsführer sind in einer einzigartigen Position, um Aufmerksamkeit auf die Potenziale und Möglichkeiten zu lenken, die die Angelegenheiten der Menschheit derzeit bieten, und alle gesellschaftlichen Schlüsselfiguren zum Handeln herauszufordern. Ein wachsender Austausch zwischen religiösen Führern und ihren Anhängern, insbesondere Kindern, wird zweifellos zu einem neuen Verständnis dessen führen, was dem Menschen möglich ist und wie ein friedvolles kollektives Leben gefördert werden kann.

 

Geistiges Bewusstsein und sozialer Fortschritt

Für die weltweite Bahá’í-Gemeinde ist der Schutz der menschlichen Freiheiten Teil eines größeren geistigen Unternehmens zur Förderung einer Reihe von Einstellungen und Praktiken, welche menschliches Potential wirklich freisetzen. Echter sozialer Fortschritt kann nach ihrem Glauben nur aus geistigem Bewusstsein und durch die Vermittlung von Tugenden entströmen. Aus dieser Perspektive heraus ist die Aufgabe der Schaffung eines universellen Ethos der Toleranz direkt an einen Prozess moralischer und geistiger Entwicklung gebunden.

 

Bildung

Bildung tritt folglich als ein unerlässliches Werkzeug hervor – ein Werkzeug aktiven ethischen Lernens.

„Betrachte den Menschen als ein Bergwerk, reich an Edelsteinen von unschätzbarem Wert», mahnt Bahá’u’lláh. „Nur die Erziehung kann bewirken, dass es seine Schätze enthüllt und die Menschheit daraus Nutzen zu ziehen vermag.» [vi]

Diese „Schätze» müssen bewusst entwickelt werden, denn obwohl Edelmut, Güte und Schönheit angeborene Eigenschaften unseres Wesens sind, können die Menschen Neigungen zum Opfer fallen, welche das innere Wesen verderben und das Licht der Liebe löschen.

Lehrpläne dürfen sich daher nicht alleine mit dem Wissen um physische oder soziale Phänomene befassen, sondern müssen auch auf das Ziel einer moralischen und geistigen Befähigung ausgerichtet sein.

 


[i] Bahá’u’lláh, Ährenlese, 159:4, Bahá’í-Verlag Hofheim, 1999

[ii] ‘Abdu’l-Bahá, Auf Pfaden der Gottesliebe, 167, Bahá’í-Verlag Hofheim, 1997

[iii] Bahá’u’lláh, Verborgene Worte, arab. 2, Bahá’í-Verlag Hofheim, 1985

[iv] Bahá’u’lláh, Kitáb-i-Iqán, 2:115, Bahá’í-Verlag Hofheim,1997

[v] Bahá’u’lláh, Botschaften aus Akká, 8:63, Bahá’í-Verlag Hofheim, 1982

[vi] Bahá’u’lláh, Botschaften aus Akká, 6:27, Bahá’í-Verlag Hofheim,1982

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