Brief an eine Freundin

– 5 Minuten Lesezeit –

 

Liebe Freundin,

ja, man fühlt sich machtlos. Die Nachrichten sind ein einziger Strom von Kriegen, Polarisierung, Ungerechtigkeit und dem Empfinden, dass alles auseinanderbricht. Da kommt tatsächlich ein Gefühl der Ohnmacht auf, als gäbe es kein Licht am Ende des Tunnels. Ich verstehe das gut, weil mich zuweilen auch solche Gedanken beschäftigen. Und doch gibt es etwas, das mir gerade jetzt, in diesen Tagen, Kraft gibt.

Gestern haben wir das Ridván-Fest bei einer Freundin gefeiert. Dass das Fest genau in diese dunkle Zeit fällt, ist kein Zufall.

Ridván bedeutet auf Arabisch „Paradies“. Es ist das heiligste Fest der Bahá’í, zwölf Tage lang, vom 21. April bis zum 2. Mai. Es erinnert an das Jahr 1863, als Bahá’u’lláh im Garten Ridván vor den Toren Bagdads zwölf Tage lang in einem einfachen Gartenlager lebte. Dort erklärte Er sich öffentlich als der Verheissene, auf den alle Religionen gewartet hatten – derjenige, den Gott für dieses Zeitalter gesandt hat. Kein lauter Auftritt, keine Armee, keine Machtdemonstration. Nur ein Mann in einem Garten, umgeben von Rosen und Nachtigallen, der den Königen und Herrschern der Welt in aller Ruhe eine völlig neue Ordnung ankündigte.

Und genau das ist der Punkt, der mir heute so viel Hoffnung macht: Bahá’u’lláh hat nicht nur schöne spirituelle Lehren gebracht. Er hat eine neue Weltordnung konzipiert – ein konkretes, praktisches Heilmittel für genau die desaströse Politik, die uns heute verzweifeln lässt. Er hat sie als göttliches Rezept für eine kranke Menschheit beschrieben. Wie ein Arzt, der die Symptome (Kriege, Ausbeutung, Nationalismus, Ungleichheit) sieht und die Wurzel (die fehlende Einheit der Menschheit) erkennt. Er schrieb an die Herrscher seiner Zeit:

„Ihr seid die Herren der Erde. Vereint euch, legt eure Waffen nieder, sorgt für die Wohlfahrt aller Völker – denn die Erde ist nur ein Land und alle Menschen sind seine Bürger.“

Das klingt nicht naiv, wenn man weiss, dass jeder große Offenbarer Gottes genau dasselbe getan hat. Jede Manifestation Gottes – Abraham, Moses, Buddha, Zarathustra, Krishna, Christus, Muhammad, der Báb und nun Bahá’u’lláh – kam in einer Zeit tiefer Krise und brachte nicht nur innere Erleuchtung, sondern eine neue soziale Ordnung. Jeder Bote Gottes hat genau das geschenkt, was die Menschheit in Seiner Zeit am dringendsten brauchte. Abraham begründete den reinen Monotheismus und schloss den Bund mit Gott, aus dem die grossen abrahamitischen Religionen hervorgingen und der die Einheit Gottes für alle nachfolgenden Völker verankerte. Moses gab den Israeliten Gesetze für ein gerechtes, geordnetes Volk. Buddha lehrte den Weg der inneren Befreiung aus Leid und Verblendung durch Achtsamkeit, Mitgefühl und ethisches Leben. Zarathustra brachte den Glauben an den einen Gott und lehrte, dass jeder Mensch durch gute Taten aktiv am Sieg des Guten über das Böse mitwirkt. Krishna offenbarte die Einheit Gottes und zeigte, dass man Ihn durch selbstloses Handeln, Erkenntnis und hingebungsvolle Liebe erreichen kann. Christus lehrte die alles überwindende Liebe, die über Stämme, Grenzen und Feindschaften hinausgeht. Muhammad schuf aus verfeindeten, in Götzenkult und Blutrache versunkenen Stämmen eine geeinte Gemeinschaft und legte den Grundstein für eine grosse Zivilisation. Der Báb („das Tor“) kündigte als eigenständiger Bote Gottes das Kommen Bahá’u’lláhs an, brachte ein neues Zeitalter ein und opferte sein Leben, um die Menschheit auf die grösste Offenbarung vorzubereiten. Immer wieder hat Gott durch Seine Boten die Menschheit einen Schritt weiter in die Reife geführt. Bahá’u’lláh ist in dieser langen Kette nicht die Ausnahme – er ist die Erfüllung für unser globales Zeitalter. Seine neue Weltordnung ist die logische nächste Stufe: eine Weltföderation, kollektive Sicherheit, Abrüstung, eine universelle Hilfssprache, Gerechtigkeit für alle, die Abschaffung von Rassismus, Sexismus und extremer Armut. Nicht als ferne Utopie, sondern als praktisches Programm.

Und hier kommt etwas, das dich vielleicht besonders trösten kann: Bahá’u’lláh hat sogar zwei Stufen des Friedens vorausgesagt. Den Grössten Frieden (Most Great Peace) – den vollkommenen, geistig begründeten Frieden der gesamten Menschheit, wenn wir alle die Einheit Gottes und der Menschheit wirklich annehmen. Und davor den Geringeren Frieden (Lesser Peace) – den politischen, unvollkommenen Frieden, den die Regierungen dieser Welt aus reiner Not und Selbsterhaltungstrieb schliessen werden. Er hat die Könige und Präsidenten direkt angesprochen:

„Wenn ihr den Grössten Frieden nicht annehmt, dann haltet wenigstens diesen Geringeren Frieden fest, damit ihr eure Völker wenigstens etwas besser schützen könnt.“

Genau das sehen wir heute. Die Welt ist noch nicht spirituell geeint, aber die Staaten beginnen langsam, widerwillig, Verträge zu schliessen, Institutionen wie die UN (so unvollkommen sie sind) aufzubauen, Abrüstungsgespräche zu führen und zu erkennen: Weiter so führt in den Abgrund. Das ist kein Zufall. Es ist der Beginn des Geringeren Friedens – der notwendige erste Schritt, den Bahá’u’lláh schon vor über 160 Jahren angekündigt hat. Die Geburtswehen sind schmerzhaft, ja. Aber sie sind Wehen, kein Todeskampf.

Die Welt sieht gerade aus wie ein altes Haus, das einstürzt. Aber Bahá’u’lláh sagt: Das ist nicht das Ende. Das ist der Abriss, damit das neue Haus gebaut werden kann – ein Haus für die gesamte Menschheit. Ridván ist das Fest, in dem wir genau diese Botschaft feiern: dass mitten im Chaos die grösste Hoffnung geboren wurde. In einem Garten. Durch einen einzelnen Mann, der nichts hatte ausser der Kraft Seiner Worte und der Liebe Gottes.

Du bist nicht allein mit deiner Verzweiflung. Und du bist auch nicht machtlos. Jeder von uns, der diese Vision annimmt und in seinem kleinen Kreis lebt – mit Freundlichkeit, Gerechtigkeit, Einheit – trägt einen Stein zu diesem neuen Haus bei.

Gleichzeitig, während die alte Ordnung auseinanderbricht, entsteht die neue Ordnung, die von den Bahá’í auf der ganzen Welt nach und nach aufgebaut wird. Das ist nicht ein Traumgebilde, sondern gelebte Realität. Und das stimmt mich hoffnungsvoll in diesen dunklen Zeiten, in denen viele Menschen ihr geistiges Potential vergessen haben.

Mit diesen Gedanken verbleibe ich.

Liebe Grüße

M.


Titelbild: KI-generiert 

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