Sinn und Zweck von Religion neu verstehen
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In einer Veröffentlichung «Ein gemeinsamer Glaube» schreibt das Universale Haus der Gerechtigkeit – oberstes Führungsgremium der weltweiten Bahá’í-Gemeinde – 2005:
«Im frühen 20. Jahrhundert hat eine materialistische Interpretation der Wirklichkeit sich so durchgesetzt, dass sie für die Ausrichtung der Gesellschaft zur beherrschenden Weltreligion wurde. …
Die göttliche Autorität bildete einst – trotz allen Unterschieden der Interpretation – den Mittelpunkt geistiger Führung. Für viele im Westen scheint sich diese Autorität aufgelöst zu haben.
Als das 20. Jahrhundert sich dem Ende zuneigte, schien daher das plötzliche Wiederaufleben der Religion völlig unwahrscheinlich, schon gar nicht als ein Thema von globaler Bedeutung. Doch genau das passiert jetzt in Form einer plötzlichen Woge von Angst und Unzufriedenheit, wobei das Bewusstsein darüber, dass gerade die spirituelle Leere diese Woge ausgelöst hat, nach wie vor schemenhaft ist. In vielen Ländern wurde jetzt der Nachweis der eigenen Religiösität zu einer zwingenden Notwendigkeit, um sich für ein politisches Amt bewerben zu können. Eine Welt, die davon ausging, dass mit dem Zusammenbruch der Mauer in Berlin eine Epoche internationalen Friedens beginnen würde, muss sich nun sagen lassen, dass sie sich mitten in einem Kampf der Kulturen befindet, der seine Wurzeln in unversöhnlicher religiöser Feindschaft hat. …
Das wiedererwachte Interesse an Religion ist offensichtlich noch weit von seinem Höhepunkt entfernt. …
An der Schwelle zum 21. Jahrhundert verstärkte die globale Vernetzung mit ihrer alles verändernden Dynamik die Ernüchterung der Menschheit über die Versprechungen des Materialismus und brachte die irrigen Vorstellungen über die Wirklichkeit aller Dinge ins Wanken. …
Der Verlust des Glaubens an die Axiome des Materialismus und die fortschreitende Globalisierung menschlicher Erfahrung verstärken beide das Verlangen, den Sinn des Lebens neu zu verstehen.»
Vor diesem Hintergrund stellen sich folgende Fragen: [1]
Warum befriedigen Antworten etablierter Religionen nicht mehr?
In der Geschichte sind die grossen Religionen die erste Quelle der geistigen und damit auch der kulturellen Entwicklung gewesen. Sie waren die treibende Kraft des Prozesses der Zivilisation. Die gesellschaftliche Evolution der Menschheit bringt jedoch stets neue Herausforderungen mit sich. Die zunehmende Demokratisierung in allen Lebensbereichen, darunter insbesondere die Gleichstellung der Frau, sowie die modernen Wissenschaften und Technologien erfordern neue Antworten, die die Schriften der etablierten Glaubensrichtungen nicht mehr bieten können.
Eine Modernisierung der jeweiligen Offenbarung würde jedoch die Legitimation durch die Schriften ihres Gründers verlieren und verbietet sich damit.
Was ist Religion wirklich?
Der Begriff der Religion ist heute durch Interpretation geprägt, wird verstanden als Vielfalt von Konfessionen, historische Glaubenssysteme, individuelle Lebenserfahrung oder extreme Lebensform. Religion ist damit gefangen in den Grenzen menschlicher Erfindungen.
Letztlich aber ist Religion das Wissen um Gott.
«In allen Heiligen Büchern ist die Verheißung der Göttlichen Gegenwart deutlich aufgezeichnet. Mit dieser Gegenwart ist die Gegenwart Dessen gemeint, der der Tagesanbruch der Zeichen ist, der Dämmerungsort der klaren Beweise, die Manifestation der Herrlichen Namen, die Quelle der Eigenschaften des wahren Gottes – gepriesen sei Seine Herrlichkeit. Gott in Seinem Wesen und Seinem Urselbst ist allezeit unsichtbar, unerreichbar und unerforschlich. Unter Gegenwart ist deshalb die Gegenwart Dessen zu verstehen, der Sein Statthalter unter den Menschen ist.»
Bahá’u’lláh (Brief an den Sohn des Wolfes, 171)
Bahá’u’lláh (1817 – 1892) – Stifter der jüngsten Weltreligion, der Bahá’í-Religion – hat, wie alle anderen Offenbarer vor Ihm, die religiösen Lehren im Einklang mit der gesellschaftlichen Evolution erneuert. Dabei stehen die verschiedenen Offenbarungen nicht nebeneinander, sind nicht alternative Wege zu Gott. Sie sind aufeinanderfolgend aber nicht wiederholend, sondern bauen aufeinander auf, sind fortschreitend.
Das Konzept der Religion ist somit die fortschreitende Offenbarung göttlichen Wissens, ein in sich geschlossenes System.
Gibt es einen Beweis für die Existenz Gottes?
Der Beweis für die Existenz Gottes liegt darin, dass Gott sich uns von Zeit zu Zeit offenbart und damit Sein Versprechen der unfehlbaren Führung der Menschheit erfüllt, ein Versprechen seit den Zeiten Abrahams, das Bahá’u’lláh als ewigen Bund Gottes mit der Menschheit bezeichnet.
Mehr darüber in Teil 2 …
[1] Die Antworten zu diesen Fragen stammen zu einem grossen Teil von einer Zusammenstellung von Dr. Uwe-Carsten Wiebers, publiziert in Bahá’í-Nachrichten Deutschland, Mai/Juni 2006 unter dem Titel «Klare Antworten auf die Fragen unserer Zeit – über die Botschaft des Universalen Hauses der Gerechtigkeit Ein gemeinsamer Glaube«

